Über Qualitäten von Jugendkunstschulen
Fachbeitrag
Grußwort von Peter Kamp zum Fachtag „Bilden mit Kunst“ am 16. März 2019 im Sprengel- Museum Hannover
Peter Kamp, Vorsitzender des bjke e.V.
Bilden mit Kunst – nichts leichter als das, sollte man meinen. Also „Hauptsache
Kunst!“ Und gut? So einfach ist es leider nicht. Auch fünfzig Jahre nach ihrer
Gründung sind die Jugendkunstschulen in Deutschland nicht per se und überall
auf der Überholspur. Es lohnt sich, nach den Gründen zu fragen. Ich will ein
paar Dimensionen skizzieren, in denen ich Lösungsperspektiven vermute. Denn
wir haben ein Problem, gefühlt und definitiv auch in Wirklichkeit. Ich möchte
versuchsweise einmal von einem Akzeptanzproblem sprechen, oder auch von
einem Geltungsproblem: Wir können nicht zufrieden sein mit der Stärke,
Stellung und Verbreitung von Jugendkunstschulen – ich nenne sie so, also
Jugendkunstschulen, weil sie vor allem Orte für junge Menschen sein wollen
und im Nutzungsprofil auch sind.
Das Paradox lautet: Alle lieben Jugendkunstschulen, wobei die Liebe umso
größer ist, je weniger die Einrichtung kostet. Dass Qualität ihren Preis hat, ist
heute an der Fleisch- oder Gemüsetheke und selbst beim Elektroauto oder bei
der Urlaubsflugbuchung besser vermittelbar als in unserem Einrichtungsfeld.
Und ohne hier Neiddebatten schüren zu wollen, wird man einräumen müssen:
Erstens stehen die meisten anderen Bildungsträger in Politik und Gesellschaft
besser oder jedenfalls robuster da als wir und zweitens – womöglich schlimmer
– sind wir selbst mit schuld: Wer sich und anderen jahrzehntelang einredet, viel
Wirkung mit wenig Ursache zu erzeugen, wird sich am Ende nicht beklagen
dürfen, wenn Kommunal- und Landespolitik den Glauben hegen, wir selbst und
unsere Dozentinnen und Dozenten lebten von der Kunst allein wie die Vögel
von der Luft.
Dem ist jedoch nicht so. Weder in der Luft noch hier am Boden. Also sprechen
wir über Qualitäten (im Plural) von Jugendkunstschulen und kulturpädagogi-
schen Einrichtungen in der Hoffnung, hieraus die Funken für ein nachhaltiges
Feuer zu schlagen, das die Herzen wärmt, die Phantasie beflügelt und die
Renten sichert. Wir tun dies unter dem Motto „Bilden mit Kunst“
.
„Bilden mit Kunst“ kann nachgerade als niedersächsische Marke der (Jugend-)
Kunstschulfundierung gelten. Ich erinnere an
die Grundsatztagung zur „Grammatik der Kreativität“, auf der – ebenfalls
hier in Hannover – das Rad zwar nicht erfunden, aber neu
zusammengesetzt wurde,
das erste, 1990 in Lingen lancierte „Handbuch Jugendkunstschule“ (mit
programmatischem Grußwort von Dr. Norbert Lammert, damals
Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium),
das programmatische Bekenntnis des niedersächsischen Landesverbands
der Kunstschulen zum lapidaren Statement „Kunst & Gut“
.
„Bilden mit Kunst“ hat hier also Tradition und ist – etwas ketzerisch gesagt –
eine Art niedersächsisches Reinheitsgebot für Kunstschulen. Der Pferdefuß
daran: Auch nach 40 Jahren guter Kunst bzw. kunstbasiert guter Bildung
können wir hier bei weitem noch nicht von einer institutionell gefestigten
Einrichtungslandschaft sprechen. So dass die Frage erlaubt sein muss, ob das
gut Definierte und prinzipienfest Geklärte schon per se auch in den
Niederungen der Ebene greift, wurzelt und wächst.
Dies bringt mich auf das sympathische Wortungetüm „KäBiS“
– einen Bundes-
und Landes-Modellversuch der 1990-er Jahre zum Thema Kulturell-ästhetische
Bildung der Sinne – KäBiS eben. Im Beirat saßen Prof. Gert Selle und Prof. Peter
Vermeulen, ein ‚Kunstpapst‘ und ein ‚Wirtschaftsgegenpapst‘
. Und es ging um
die Frage, ob und wie sich die konzeptionelle Dynamik und die
betriebswirtschaftliche Dynamik wechselseitig befruchten können, ob also
Spartenvielfalt Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit nach sich zieht und
umgekehrt. Die Antwort ist: „Ja“; doch gibt es hier keinen Automatismus, und
manche KäBiS-Standorte sind heute blühende Gewächshäuser, andere
hingegen von der Bildfläche verschwunden.
„Vielfalt ist unsere Stärke“: Mit diesem Slogan hat die Jugendkunstschul-
Verbandslandschaft ab Mitte der 1990-er Jahre die erweiterte Bundesrepublik
geflutet und dadurch mehr Geschlossenheit suggeriert, als die Wirklichkeit
bereithielt. Man darf und muss erinnern ans AFT-Programm – das
Förderprogramm des Bundes zum Aufbau Freier Träger in den damals neuen
Bundesländern – mit seinen Licht- und Schattenseiten. „Jugendkunstschulen“,
Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel schrieb uns dies dreizehn Jahre, nachdem
sie als Bundesjugendministerin den bjke in die Infrastrukturförderung des
Kinder- und Jugendplans des Bundes aufgenommen hatte, „sind nicht
wegzudenken aus der Bildungslandschaft in Deutschland.“ Indessen gibt es
nahezu 50 Jahre nach der Erfindung des Konzepts auch heute noch ganze
Bundesländer, für die Jugendkunstschulen Neuland oder – zumindest als
Landesaufgabe – weitgehend unbekannt sind.
Wir haben gute Entwicklungen in sechs Bundesländern, in alphabetischer
Reihenfolge: Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern,
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz. Hier sind Jugendkunstschulen fragloser
Gegenstand der Landesförderung, oft auch in relevanter Größenordnung, die
Kommunen stehen dahinter und es gibt aktive Landeszusammenschlüsse,
zumeist auch landesgefördert.
Wir haben Entwicklungen in fünf weiteren Bundesländern: Bayern,
Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Saarland und Thüringen verfügen über
(ausbaufähige) Einrichtungsnetze und auch über Landesgeschäftsstellen. Das
Niveau der Einrichtungsförderung durch das Land ist überschaubar, auch
kommunal werden eher solitäre Standorte gefördert.
Wir haben überwiegend Lücken in vier weiteren Bundesländen: Hamburg,
Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein verfügen gar nicht bzw. kaum über ein
relevantes Einrichtungsnetz, in Sachsen dünnt sich dies zusehends aus und
keines der vier Länder verfügt über eine tragfähige landesverbandliche
Infrastruktur.
Ziel muss bleiben, dass die Empfehlung der Kulturenquête des Deutschen
Bundestags (2007) nach gesetzlicher Verankerung der Infrastrukturen
kultureller Bildung „insbesondere im Musik- und Jugendkunstschulwesen“
durch die Bundesländer auch bundesweit greift, jedoch sind hierzu hohe
(Entwicklungs-)Hürden zu überwinden.
Bleibt die Verbreitung in der Fläche derzeit noch weit hinter dem
Wünschenswerten zurück, so sind auch nach innen zum Teil erhebliche
Niveauunterschiede zu konstatieren und konzeptionell wie (verbands-)politisch
zu bewältigen: Ab welcher Breite (Vielfalt) und Tiefe (Verweildauer) sprechen
wir von einer [echten, oder auch: anerkannten] Jugendkunstschule, und gibt es
definierte Level, auf denen Quantität in Qualität umschlägt? Auch jenseits des
Generalkonsenses einer Mehrspartigkeit (idealerweise alle, mindestens jedoch
drei Kunstsparten ‚unter einem Dach‘) bleibt der Anspruch, letztlich jede
Jugendkunstschule individuell auf die spezifischen lokalen Belange und
Bedarfslagen zuzuschneiden, unhintergehbar, so dass wir – ungeachtet der
quantitativ skalierbaren Frage des Niveaus – letztlich doch über 400 Unikate
oder Einrichtungs-Individuen sprechen müssen und auch wollen.
Hier tritt das Q-Wort auf den Plan, das wir (nicht nur bei der Kondensmilch) aus
den Niederlanden importiert haben, wie die Jugendkunstschulen übrigens
auch. Es ist ein vielschichtiges, diffus streuendes Wort, dessen Inhalt changiert
mit der Rolle und Perspektive des jeweiligen Sprechers. „Qualität und
Qualitätsstandards in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung“
hieß eine Tagung vom März 1996 in der Katholischen Akademie Klausenhof in
Hamminkeln am unteren Niederrhein. Als Vertreter des
Bundesjugendministeriums legte der Grundsatzreferent Wennemar Scherrer
(auch verantwortlich für die stattliche Schriftenreihe „QS“ zur
Qualitätssicherung) in seinem Grußwort die pragmatischen Wurzeln des
staatlichen Dialoginteresses so charmant wie nüchtern frei: Massiver
Personalabbau beim Staat sollte die herkömmliche Vertrauenskultur (‚früher
kannte jeder jeden, heute kann kaum eine/r mehr kennen, wen oder was sie
oder er fördert‘) auf eine neue, verfahrensmäßig gesicherte Begründungs-
,
Begegnungs- und Reflexionsebene heben.
Der spätere NRW-Jugendstaatssekretär Klaus Schäfer hat hierfür – im
(indirekten) Austausch auch mit der niederländischen „Kwaliteits-Inspectie“ –
Wort und Methode des „Wirksamkeitsdialogs“ erfunden. Es ging dabei um
eine neue Form des Dialogs zwischen Freien Trägern und dem Staat, um
„Ehrlichkeit“ (hinsichtlich Zielformulierung und Zielerreichung) statt „Ritual“
.
Unterm Label „Qualität“ wurde hier ein zwischenmenschlicher, dialogischer
Prozess zwischen Praxis und Administration implementiert, dessen Ende freilich
ergebnisoffen blieb und zwangsläufig bleiben musste, wie ein seither
geflügeltes Wort griffig darlegt: „Sie können evaluieren, was Sie wollen, am
Ende steht immer eine politische Entscheidung.“
Selbstevaluation ist etwas anderes als Fremdevaluation – im Bauch, im Kopf,
vor allem aber in der erhofften Wirkung und Reichweite. Was jede/r
Jugendkunstschulleiter*in intuitiv sowie aus Erfahrung sattsam und massenhaft
belegt mit unerschütterlicher Gewissheit weiß, ist Wissenschaft und Politik als
Ideologie oder zumindest Lobbyismus in eigener Sache verdächtig. Wir können
daher von Glück sagen, dass die Jugendkunstschulen seit 2017 mit der durch
die renommierten Jugendforscher Werner Thole und Ivo Züchner begleitete
JuArt-Studie knapp 1.000-fach wissen, dass auch wirklich stimmt, was wir
bewirken wollen und zu erreichen behaupten. Mit maximaler Methodik in
minimaler Bewegung zeigen sich hier mikroskopisch messbare Bildungserfolge
namentlich im Feeling junger Menschen für ihre persönliche Power und das
institutionelle und informelle Handling von Selbstwirksamkeit. Ist das unsere
Bastianstudie? Ich denke: ja. Ich hoffe, nein. Braucht denn der Fortschritt im
Bewusstsein von Bildung Bastianstudien?
Ich komme zum Schluss: In ihrer 2018 veröffentlichten Erlanger Dissertation
„Qualität in der Kulturellen Bildung“ hat die Wissenschaftlerin Lisa Unterberg
ein reichhaltiges und systematisch recherchiertes Textkorpus „Qualität“ aus 30
Jahren diskursanalytisch gescannt und – überpointiert ausgedrückt – nichts
gefunden bzw. nichts für die kulturelle Bildung (wirklich) Relevantes. Außer
eben, dass es aus dem Wald so herausschallt, wie man in ihn hineinruft. Ganz
überraschend kommt das nicht. Aber es hilft. Wobei? Beim Schärfen des Blicks
für Proportionen.
Jugendkunstschulen haben einen originären Bildungsauftrag, in dem sich auf
einzigartige Weise Bilden mit Kunst und Persönlichkeitsentwicklung junger
Menschen, ästhetisches Lernen und freiheitlich-emanzipatorischer Anspruch
begegnen. Der schon erwähnte Erziehungswissenschaftler Klaus Schäfer hat
den Jugendkunstschulen attestiert, sie schüfen „Voraussetzungen zum Erwerb
von Souveränität und Haltung“
. Und die Literaturwissenschaftler Karl-Heinz
Hucke und Hermann Korte fundieren in ihrer kritischen Literaturdidaktik das
Lebenlernen, für das die Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen
Einrichtungen seit den 1970-er Jahren exemplarisch stehen, mit einem
Schüsselwort aus Peter Weiss‘ Bildungsepos „Die Ästhetik des Widerstands“
aus dem Jahr 1975: „Über Kunst sprechen zu wollen, ohne das Schlürfende zu
hören, mit dem wir den einen Fuß vor den anderen schoben, wäre vermessen
gewesen.“

















