Über Qualitäten von Jugendkunstschulen

26. April 2026

Fachbeitrag

Grußwort von Peter Kamp zum Fachtag „Bilden mit Kunst“ am 16. März 2019 im Sprengel- Museum Hannover

Peter Kamp, Vorsitzender des bjke e.V.

Bilden mit Kunst – nichts leichter als das, sollte man meinen. Also „Hauptsache

Kunst!“ Und gut? So einfach ist es leider nicht. Auch fünfzig Jahre nach ihrer

Gründung sind die Jugendkunstschulen in Deutschland nicht per se und überall

auf der Überholspur. Es lohnt sich, nach den Gründen zu fragen. Ich will ein

paar Dimensionen skizzieren, in denen ich Lösungsperspektiven vermute. Denn

wir haben ein Problem, gefühlt und definitiv auch in Wirklichkeit. Ich möchte

versuchsweise einmal von einem Akzeptanzproblem sprechen, oder auch von

einem Geltungsproblem: Wir können nicht zufrieden sein mit der Stärke,

Stellung und Verbreitung von Jugendkunstschulen – ich nenne sie so, also

Jugendkunstschulen, weil sie vor allem Orte für junge Menschen sein wollen

und im Nutzungsprofil auch sind.

Das Paradox lautet: Alle lieben Jugendkunstschulen, wobei die Liebe umso

größer ist, je weniger die Einrichtung kostet. Dass Qualität ihren Preis hat, ist

heute an der Fleisch- oder Gemüsetheke und selbst beim Elektroauto oder bei

der Urlaubsflugbuchung besser vermittelbar als in unserem Einrichtungsfeld.

Und ohne hier Neiddebatten schüren zu wollen, wird man einräumen müssen:

Erstens stehen die meisten anderen Bildungsträger in Politik und Gesellschaft

besser oder jedenfalls robuster da als wir und zweitens – womöglich schlimmer

– sind wir selbst mit schuld: Wer sich und anderen jahrzehntelang einredet, viel

Wirkung mit wenig Ursache zu erzeugen, wird sich am Ende nicht beklagen

dürfen, wenn Kommunal- und Landespolitik den Glauben hegen, wir selbst und

unsere Dozentinnen und Dozenten lebten von der Kunst allein wie die Vögel

von der Luft.

Dem ist jedoch nicht so. Weder in der Luft noch hier am Boden. Also sprechen

wir über Qualitäten (im Plural) von Jugendkunstschulen und kulturpädagogi-

schen Einrichtungen in der Hoffnung, hieraus die Funken für ein nachhaltiges

Feuer zu schlagen, das die Herzen wärmt, die Phantasie beflügelt und die

Renten sichert. Wir tun dies unter dem Motto „Bilden mit Kunst“

.

„Bilden mit Kunst“ kann nachgerade als niedersächsische Marke der (Jugend-)

Kunstschulfundierung gelten. Ich erinnere an

 die Grundsatztagung zur „Grammatik der Kreativität“, auf der – ebenfalls

hier in Hannover – das Rad zwar nicht erfunden, aber neu

zusammengesetzt wurde,

 das erste, 1990 in Lingen lancierte „Handbuch Jugendkunstschule“ (mit

programmatischem Grußwort von Dr. Norbert Lammert, damals

Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium),

 das programmatische Bekenntnis des niedersächsischen Landesverbands

der Kunstschulen zum lapidaren Statement „Kunst & Gut“

.

„Bilden mit Kunst“ hat hier also Tradition und ist – etwas ketzerisch gesagt –

eine Art niedersächsisches Reinheitsgebot für Kunstschulen. Der Pferdefuß

daran: Auch nach 40 Jahren guter Kunst bzw. kunstbasiert guter Bildung

können wir hier bei weitem noch nicht von einer institutionell gefestigten

Einrichtungslandschaft sprechen. So dass die Frage erlaubt sein muss, ob das

gut Definierte und prinzipienfest Geklärte schon per se auch in den

Niederungen der Ebene greift, wurzelt und wächst.

Dies bringt mich auf das sympathische Wortungetüm „KäBiS“

– einen Bundes-

und Landes-Modellversuch der 1990-er Jahre zum Thema Kulturell-ästhetische

Bildung der Sinne – KäBiS eben. Im Beirat saßen Prof. Gert Selle und Prof. Peter

Vermeulen, ein ‚Kunstpapst‘ und ein ‚Wirtschaftsgegenpapst‘

. Und es ging um

die Frage, ob und wie sich die konzeptionelle Dynamik und die

betriebswirtschaftliche Dynamik wechselseitig befruchten können, ob also

Spartenvielfalt Wirtschaftskraft und Leistungsfähigkeit nach sich zieht und

umgekehrt. Die Antwort ist: „Ja“; doch gibt es hier keinen Automatismus, und

manche KäBiS-Standorte sind heute blühende Gewächshäuser, andere

hingegen von der Bildfläche verschwunden.

„Vielfalt ist unsere Stärke“: Mit diesem Slogan hat die Jugendkunstschul-

Verbandslandschaft ab Mitte der 1990-er Jahre die erweiterte Bundesrepublik

geflutet und dadurch mehr Geschlossenheit suggeriert, als die Wirklichkeit

bereithielt. Man darf und muss erinnern ans AFT-Programm – das

Förderprogramm des Bundes zum Aufbau Freier Träger in den damals neuen

Bundesländern – mit seinen Licht- und Schattenseiten. „Jugendkunstschulen“,

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel schrieb uns dies dreizehn Jahre, nachdem

sie als Bundesjugendministerin den bjke in die Infrastrukturförderung des

Kinder- und Jugendplans des Bundes aufgenommen hatte, „sind nicht

wegzudenken aus der Bildungslandschaft in Deutschland.“ Indessen gibt es

nahezu 50 Jahre nach der Erfindung des Konzepts auch heute noch ganze

Bundesländer, für die Jugendkunstschulen Neuland oder – zumindest als

Landesaufgabe – weitgehend unbekannt sind.

Wir haben gute Entwicklungen in sechs Bundesländern, in alphabetischer

Reihenfolge: Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern,

Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz. Hier sind Jugendkunstschulen fragloser

Gegenstand der Landesförderung, oft auch in relevanter Größenordnung, die

Kommunen stehen dahinter und es gibt aktive Landeszusammenschlüsse,

zumeist auch landesgefördert.

Wir haben Entwicklungen in fünf weiteren Bundesländern: Bayern,

Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Saarland und Thüringen verfügen über

(ausbaufähige) Einrichtungsnetze und auch über Landesgeschäftsstellen. Das

Niveau der Einrichtungsförderung durch das Land ist überschaubar, auch

kommunal werden eher solitäre Standorte gefördert.

Wir haben überwiegend Lücken in vier weiteren Bundesländen: Hamburg,

Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein verfügen gar nicht bzw. kaum über ein

relevantes Einrichtungsnetz, in Sachsen dünnt sich dies zusehends aus und

keines der vier Länder verfügt über eine tragfähige landesverbandliche

Infrastruktur.

Ziel muss bleiben, dass die Empfehlung der Kulturenquête des Deutschen

Bundestags (2007) nach gesetzlicher Verankerung der Infrastrukturen

kultureller Bildung „insbesondere im Musik- und Jugendkunstschulwesen“

durch die Bundesländer auch bundesweit greift, jedoch sind hierzu hohe

(Entwicklungs-)Hürden zu überwinden.

Bleibt die Verbreitung in der Fläche derzeit noch weit hinter dem

Wünschenswerten zurück, so sind auch nach innen zum Teil erhebliche

Niveauunterschiede zu konstatieren und konzeptionell wie (verbands-)politisch

zu bewältigen: Ab welcher Breite (Vielfalt) und Tiefe (Verweildauer) sprechen

wir von einer [echten, oder auch: anerkannten] Jugendkunstschule, und gibt es

definierte Level, auf denen Quantität in Qualität umschlägt? Auch jenseits des

Generalkonsenses einer Mehrspartigkeit (idealerweise alle, mindestens jedoch

drei Kunstsparten ‚unter einem Dach‘) bleibt der Anspruch, letztlich jede

Jugendkunstschule individuell auf die spezifischen lokalen Belange und

Bedarfslagen zuzuschneiden, unhintergehbar, so dass wir – ungeachtet der

quantitativ skalierbaren Frage des Niveaus – letztlich doch über 400 Unikate

oder Einrichtungs-Individuen sprechen müssen und auch wollen.

Hier tritt das Q-Wort auf den Plan, das wir (nicht nur bei der Kondensmilch) aus

den Niederlanden importiert haben, wie die Jugendkunstschulen übrigens

auch. Es ist ein vielschichtiges, diffus streuendes Wort, dessen Inhalt changiert

mit der Rolle und Perspektive des jeweiligen Sprechers. „Qualität und

Qualitätsstandards in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung“

hieß eine Tagung vom März 1996 in der Katholischen Akademie Klausenhof in

Hamminkeln am unteren Niederrhein. Als Vertreter des

Bundesjugendministeriums legte der Grundsatzreferent Wennemar Scherrer

(auch verantwortlich für die stattliche Schriftenreihe „QS“ zur

Qualitätssicherung) in seinem Grußwort die pragmatischen Wurzeln des

staatlichen Dialoginteresses so charmant wie nüchtern frei: Massiver

Personalabbau beim Staat sollte die herkömmliche Vertrauenskultur (‚früher

kannte jeder jeden, heute kann kaum eine/r mehr kennen, wen oder was sie

oder er fördert‘) auf eine neue, verfahrensmäßig gesicherte Begründungs-

,

Begegnungs- und Reflexionsebene heben.

Der spätere NRW-Jugendstaatssekretär Klaus Schäfer hat hierfür – im

(indirekten) Austausch auch mit der niederländischen „Kwaliteits-Inspectie“ –

Wort und Methode des „Wirksamkeitsdialogs“ erfunden. Es ging dabei um

eine neue Form des Dialogs zwischen Freien Trägern und dem Staat, um

„Ehrlichkeit“ (hinsichtlich Zielformulierung und Zielerreichung) statt „Ritual“

.

Unterm Label „Qualität“ wurde hier ein zwischenmenschlicher, dialogischer

Prozess zwischen Praxis und Administration implementiert, dessen Ende freilich

ergebnisoffen blieb und zwangsläufig bleiben musste, wie ein seither

geflügeltes Wort griffig darlegt: „Sie können evaluieren, was Sie wollen, am

Ende steht immer eine politische Entscheidung.“

Selbstevaluation ist etwas anderes als Fremdevaluation – im Bauch, im Kopf,

vor allem aber in der erhofften Wirkung und Reichweite. Was jede/r

Jugendkunstschulleiter*in intuitiv sowie aus Erfahrung sattsam und massenhaft

belegt mit unerschütterlicher Gewissheit weiß, ist Wissenschaft und Politik als

Ideologie oder zumindest Lobbyismus in eigener Sache verdächtig. Wir können

daher von Glück sagen, dass die Jugendkunstschulen seit 2017 mit der durch

die renommierten Jugendforscher Werner Thole und Ivo Züchner begleitete

JuArt-Studie knapp 1.000-fach wissen, dass auch wirklich stimmt, was wir

bewirken wollen und zu erreichen behaupten. Mit maximaler Methodik in

minimaler Bewegung zeigen sich hier mikroskopisch messbare Bildungserfolge

namentlich im Feeling junger Menschen für ihre persönliche Power und das

institutionelle und informelle Handling von Selbstwirksamkeit. Ist das unsere

Bastianstudie? Ich denke: ja. Ich hoffe, nein. Braucht denn der Fortschritt im

Bewusstsein von Bildung Bastianstudien?

Ich komme zum Schluss: In ihrer 2018 veröffentlichten Erlanger Dissertation

„Qualität in der Kulturellen Bildung“ hat die Wissenschaftlerin Lisa Unterberg

ein reichhaltiges und systematisch recherchiertes Textkorpus „Qualität“ aus 30

Jahren diskursanalytisch gescannt und – überpointiert ausgedrückt – nichts

gefunden bzw. nichts für die kulturelle Bildung (wirklich) Relevantes. Außer

eben, dass es aus dem Wald so herausschallt, wie man in ihn hineinruft. Ganz

überraschend kommt das nicht. Aber es hilft. Wobei? Beim Schärfen des Blicks

für Proportionen.

Jugendkunstschulen haben einen originären Bildungsauftrag, in dem sich auf

einzigartige Weise Bilden mit Kunst und Persönlichkeitsentwicklung junger

Menschen, ästhetisches Lernen und freiheitlich-emanzipatorischer Anspruch

begegnen. Der schon erwähnte Erziehungswissenschaftler Klaus Schäfer hat

den Jugendkunstschulen attestiert, sie schüfen „Voraussetzungen zum Erwerb

von Souveränität und Haltung“

. Und die Literaturwissenschaftler Karl-Heinz

Hucke und Hermann Korte fundieren in ihrer kritischen Literaturdidaktik das

Lebenlernen, für das die Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen

Einrichtungen seit den 1970-er Jahren exemplarisch stehen, mit einem

Schüsselwort aus Peter Weiss‘ Bildungsepos „Die Ästhetik des Widerstands“

aus dem Jahr 1975: „Über Kunst sprechen zu wollen, ohne das Schlürfende zu

hören, mit dem wir den einen Fuß vor den anderen schoben, wäre vermessen

gewesen.“

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